Das grosse Flattern auf Neuseeland

Gälte es das Wort „abgelegen“ bildlich darzustellen, Oban auf Stewart Island käme dem Ideal schon ziemlich nahe. Rund 30 Kilometer vor der Südspitze Neuseelands gelegen, ist Oban die größte (weil einzige) Siedlung der Insel. Drumherum: Mehr als 1.500 Quadratkilometer ursprünglicher Regenwald und rund 800 Strände. Zwei für jeden der 400 Einwohner also. Keine schlechte Ratio für die wenigen zähen Gestalten, die auf der Insel leben.

Doch die Bewohner von Stewart Island schwören auf ihre Heimat bar jeglicher Kriminalität, dafür aber mit der Atmosphäre einer gigantischen Wohngemeinschaft. Hochzeitseinladungen gestalten sich hier eher einfach: einmal laminieren, neben dem Supermarkt an die Wand nageln, fertig.

Der Hochzeiten wegen kommt freilich kaum einer her. Eher schon wegen des Nachtlebens. Quasi. Denn auf Stewart Island übersteigt die tierische Kiwi-Population die menschliche um ein vielfaches: 20.000 der meist nachtaktiven Vögel huschen hier durch den Regenwald.

Einfach zu finden sind sie trotzdem nicht. Fast jeden Abend, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, tuckert Phillip Smith von Bravo Kiwi Spotting (www.kiwispotting.co.nz) mit einer Gruppe per Boot zur vorgelagerten Bravo Insel. Dann geht es auf schmalen Wegen im Dunkeln durch den dichten Regenwald an einen einsamen Strand. Was weitaus weniger furchterregend ist, als es klingt. Denn hier gibt es weder Tiger noch Schlangen oder andere gefährliche Tiere. Der neuseeländische Regenwald, anders als der tropische Dschungel, ist still. Nur hier und da dringt ein leises Scharren oder Rascheln aus dem Dickicht. Erst nach einer halben Stunde lichtet sich das Gestrüpp.

Dann ist es soweit: Bald staksen die ersten puscheligen Tiere über den Sand, picken hier und da nach Strandflöhen und blinzeln etwas verwirrt aber couragiert in das Licht der Taschenlampe. Aus gutem Grund: Die gerademal kniehohen Kiwis sind wehrhafter als man der flauschigen Kugel mit Schnabel zutrauen würde. Mit seinen riesigen Füßen und scharfen Krallen nimmt er schon mal die Verfolgung eines forschen Opossums auf.

Tagsüber zieht es die Besucher auf die benachbarte Insel Ulva. Hobby-Ornithologen gehen hier vor Freude gar in die Knie. Sprichwörtlich. Zum Beispiel, um sich die Vögel am Wegesrand genauer anzuschauen. So furchtlos sind sie, dass der Wanderer schier drauftritt: Saddlebacks, Kakarikis, Tuis, die Kiwi-ähnlichen Warbler, Bellbirds…: Anderswo selten, flattern sie auf Ulva dem Besucher geradezu vor die Linse.

Dass die Vögel gerade hier so zahm scheinen, hat einen einfachen Grund: „Bis heute gibt es auf Ulva keine Raubtiere“, sagt Tourguide Furhana von Ruggedy Range Nature Walks (www.ruggedyrange.com). Sie muss es wissen: Seit gut 12 Jahren bietet die Geografin geführte Touren durch die Insel. Stewart Island zu verlassen, käme ihr nicht in den Sinn. Wo sonst auf der Welt käme man mit einer einzigen Hochzeiteinladung aus?
Françoise Hause

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