Südafrika Reise – Impressionen an der Gartenroute

Auf der Gartenroute durch Südafrika – Impessionen

Der Affe auf dem Wellblechdach kratzt sich nachdenklich die weißgraue Bürstenfrisur. Starrt mit seinen Comic-haften Brillenlangur-Riesenaugen in die Ferne, lässt die Schultern resigniert hängen: Er wird sie nie verstehen, diese Zweibeiner mit ihren klickenden Apparaten, die Tag für Tag an seinem Beobachtungsposten vorbeistreben – in Monkeyland, einem Sammelbecken für psychisch ramponierte Affen. Er selbst wäre längst an einem anderen Ort, doch seine Funktion als Eingangskontrolleur macht ihn unentbehrlich.

Der Brillenlangur in Philosophenpose ist nur eines der Tiere, das in dem zwölf Hektar großen Schutzgebiet an der Garden Route in Südafrika ein neues Zuhause gefunden hat. Rund 350 Affen tollen auf dem baumbestandenen Terrain nach Lust und Laune herum, Brüllaffen, Gibbons, Totenkopfäffchen, Lemuren und andere, befreit aus enger Käfighaltung. Die Patienten stammen aus allen möglichen Teilen der Erde, sie heißen Helmut Kohl, Angela Merkel und Picasso, fast alle haben einen Knacks. Doch in der internationalen Irrenanstalt geht es verträglich zu: Um die begehrtesten Ressourcen – Futter und Frauen – brauchen sich die Gattungen nicht zu raufen. Es gibt genügend Nahrung für alle – “und die Arten lieben jeweils nur ihre eigenen Weibchen”, klärt der Ranger auf.

Die fast 700 Kilometer lange Garden Route von Port Elizabeth über die Lagunenlandschaft von Knysna bis Hermanus bei Kapstadt ist ein Südafrika-Klassiker: Szenische Ausblicke über Buchten mit schäumenden Wellenzungen, tierreiche Naturreservate und behagliche Gästehäuser ziehen jährlich Millionen von Urlaubern an. Freizeitfotografen können Glatt- und Buckelwale vor die Linse bekommen und Genießer in saftigem Karoo-Lamm und feinen Weinen schwelgen.

Ruhesuchende finden an Orten wie Hog Hollow ihren Frieden, einer umweltzertifizierten Vier-Sterne-Lodge mit Blick auf die flaschengrünen Wälder der Tsitsikamma-Berge. Adrenalin-Junkies hingegen können einen der höchsten Bungee-Sprünge wagen – von der Bloukraans-Brücke an der Nationalstraße N2 in 216 Meter Schluchtentiefe. Lediglich Gartenfreunde werden enttäuscht: Garden Route steht nicht für üppige Blütenmeere, sondern bezeichnet einen – für südafrikanische Verhältnisse – fruchtbaren Landstrich.

Entlang der Strecke laden sowohl große Naturparks als auch kleine Erlebniswelten zu Streifzügen ein. Gegenüber von Monkeyland befindet sich eine zweite Päppelstation für geschädigte und schützenswerte Tiere – Birds of Eden, die angeblich größte Freiflugvoliere der Welt. Mehr als 3.500 Vögel und 220 Arten bietet das benetzte Areal auf, ein Schnattern und Flattern, Tirilieren und Stolzieren, Gurren und Geraschel, Segeln und Kot fallen lassen, gerne auch auf Kameras. Eine Regenbogennation aus schwarzen Schwänen, gelbbauchigen Dottertukanen, knallorangen Flamingos und Kronenkranichen mit golden schimmerndem Irokesenschnitt.

Noch eigentümlicher ist aber das Tenikwa Awareness Centre bei Plettenberg Bay. Spezialität des Hauses, das in mehreren Gehegen Wüstenluchse, Leoparden und andere Raubkatzen pflegt, sind Spaziergänge mit Geparden. Der “Cheetah Walk” findet zum Sonnenuntergang statt, angepasst an den Biorhythmus der Tiere, die dann ihre aktive Phase haben und das Revier auskundschaften wollen. In der Tat marschiert Shaka zielstrebig ins Gelände. Er ist knapp zwei Jahre alt, ein männlicher Vertreter seiner Spezies in Saft und Kraft, aber folgsamer als manches Stubenkätzchen: zieht selten an der Leine, schnuppert hier, wittert dort, lässt sich auf den Boden fallen. “Er will jetzt gestreichelt werden”, sagt Geparden-Guide Joel. Zwischen den Ohren, hinter den Ohren, am Rücken, das Schnurren klingt bassiger als jeder Rasierapparat.

Statt dem Kraulkommando zu folgen, würde man das schnellste Säugetier der Welt jetzt lieber aus seinem Geschirr befreien, auf dass es mit großen Sätzen das Weite suchen kann. “Wir bieten eine emotionale Erfahrung”, verteidigt Tenikwa-Gründer Len Freeman sein fragwürdiges Projekt. Nicht lehrerhaft-abstrakt wolle man den Schutz der Geparden vermitteln, von denen es weltweit nur noch 7.500 gibt, sondern hautnah und direkt.

Sympathischer erscheint da eine andere Verrücktheit an der Garden Route. “Wenn du Elvis-Fan bist, brauchst du nichts zu erklären. Wenn du kein Fan bist, gibt es keine Erklärung”, steht bei Marilyn’s 60′s Diner geschrieben. Die Gaststätte in Storms River ist Dreh- und Angelpunkt des Elvis-Presley-Festivals im Frühsommer, bei dem die kussmundigsten Miss Marilyns und die besten Elvis-Imitatoren gesucht werden. Die Kulisse ist aber ganzjährig zu sehen, American Style der 50er und 60er Jahre: auf Hochglanz polierte Cadillacs und Chevrolets, Schachmusterboden, die Wände tapeziert mit Bildern des King of Rock ‘n’ Roll. Aus der Jukebox dudelt “Are You Lonesome Tonight?”. Und es dauert nicht lange, bis sich der Dorf-Elvis an den Tisch gesellt, ein etwas verlebter Bursche im weiß-goldenen Einteiler mit Sonnenbrille und schwarzer Perücke.

Pilar Aschenbach (Touristik Aktuell)

Dieser Beitrag wurde unter Reise, Reiseberichte, Südafrika abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.