Der neue Prager Frühling

Tschechien: Die Stadt des Jugendstils erwacht aus kafkaesker Winterstimmung zu neuem Leben

Im Index des Schulgeschichtsbuchs findet sich unter Prag der Eintrag zum Prager Frühling, als 1968 russische Panzer im Namen des Sozialismus ein aufblühendes Pflänzchen namens Freiheit überrollten.

Heutzutage ist der Prager Frühling ein Fest. Von Politik will keiner mehr etwas wissen, vor allem die jungen Leute nicht. Sie glauben sich längst zu Westeuropa zugehörig, fühlen sich näher an Deutschland als an Polen. Und die Ukraine oder das Bruderland Slowakei empfinden sie „als den echten Osten – rückständig und rustikal“. Das sagt Diana Subrtrova. Niemand im Land weiß besser, wie die Jugend tickt, als die Chefredakteurin der auch in Tschechien erfolgreichen Jugendbibel Bravo. „Musik und Stars, Lifestyle, Kleidung und jede Art von Kommerz sind für die tschechische Jugend wichtig – Politik und Religion spielen absolut keine Rolle.“

Das spürt man in den angesagten Clubs genauso wie beim Tretbootfahren auf der Moldau, an den lauschigen Plätzen am Ufer sowie auf den Flussinseln oder beim Bummel durch den Palladium, Prags 200-Shops-Einkaufstempel. Da wird gekauft und geturtelt, gequatscht und gefeiert. Den Politiker Vaclav Havel, der all dies ermöglichte, kennt man gerade mal. Aber eigentlich gilt das Interesse doch mehr der Frühjahrsmode, dem neuen Freund, der Rockröhre Ewa Farna und eben den ersten warmen Sonnenstrahlen, die den Abgesang auf den immer noch nach Braunkohle riechenden, harten Winter begleiten.

Wenn die Röcke wieder kürzer werden, erwacht Prag aus einer kafkaesk-depressiven Winterstimmung und mutiert zu einer heiteren Metropole, die längst den Anschluss an die Nachbarn in München und Wien gefunden hat. Die alte Marktfrau strahlt, so dass man ihre Zahnlücken sieht. Selbst die nicht immer als sauber hinter den Ohren geltenden Taxifahrer brummen ein „dobri den“, „guten Tag“, wenn ein Fahrgast den Schlag öffnet.

Auf der Karlsbrücke erhöht sich sprungartig die Anzahl der in die Höhe gereckten, geschlossenen Regenschirme der Fremdenführer und selbst der weltweit bekannte historische Altstadtkern von Prag scheint aufzuatmen: Nebel und Minusgrade sind Vergangenheit. Der Gang durch die Gassen ist wie ein Gang durch scheinbar frisch renovierte Jahrhunderte und Kulturen, wie ein fröhliches Blättern in literarischen Werken und Kompositionen sowie ein faszinierender Streifzug durch das Lehrbuch der europäischen Baukunst.

Im Kern der tschechischen Hauptstadt findet man schließlich so gut wie alle architektonischen Stile, von der Gotik über den dominierenden Jugendstil bis zum Funktionalismus. Kirchen – meist abgesperrt, weil ebenso vergessen wie der politische Prager Frühling –, Paläste, natürlich Burg sowie Karlsbrücke vereinen sich in Prags Altstadt zu einer unvergleichlichen Symbiose, die im Frühlingslicht erstrahlt wie neugeboren. Jochen Müssig

gefunden bei Touristik Aktuell

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